Gedenken an Stolpersteinen

Rund 70 Werderaner haben heute Vormittag an einer Veranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz teilgenommen

Rund 70 Werderaner haben heute Vormittag an einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz teilgenommen. Unter den Teilnehmern an den Stolpersteinen von Käte und Kurt Jacob in der Torstraße waren u.a. mehrere Stadtverordnete und Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule, der Freien Waldorfschule Christian Morgenstern und der Inselschule Töplitz. Außerdem nahmen Ralf und Petra Olschowski an der Veranstaltung teil - Nachfahren von Ruth und Hans-Peter Olschowski, zu deren Erinnerung Stolpersteine in der Brandenburger Straße liegen.

Die Gedenkveranstaltung wurde von der „Aktion Weltoffenes Werder“ mit  weiteren Organisationen, Parteien und Personen vorbereitet. Die Stadt hat die Vorbereitungen unterstützt. Nachfolgend die Rede, die Bürgermeisterin Manuela Saß zu diesem Anlass hielt:

„Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee die überlebenden Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz befreit. Einige Tage später wurde die Weltöffentlichkeit über die Gräueltaten informiert. Die Ermittler fanden über eine Million Kleider, ca. 45.000 Paar Schuhe und sieben Tonnen Menschenhaar, die von den KZ-Wächtern zurückgelassen worden waren. 75 Jahre ist das her. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz umgebracht. So unglaublich diese Zahl auch ist: Sie kann kaum das menschliche Leid dahinter transportieren.

Wir stehen hier vor dem früheren Haus von Max Jacob und seiner Familie, deren Schicksal wie das vieler anderer von den Nazis verfolgter und ermordeter Werderaner von der Arbeitsgruppe Erinnern und Bewahren dokumentiert wurde. Das Warenhaus  Jacob bestand hier bis zum Jahr 1938. Über den Schaufenstern in der Torstraße 3 prangte werbewirksam der Schriftzug ,Kaufhaus Jacob‘.

In der Pogromnacht 1938 wurde das Kaufhaus Jacob verwüstet. Max Jacob musste das Geschäft nach dem Verbot der Geschäftstätigkeit von Juden bald darauf aufgeben. Seine zweite Frau Else Jacob stirbt 1941 im Jüdischen Krankenhaus. Max Jacob wird 1942 ins Warschauer Getto deportiert. Von dort aus wird er wenig später ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Seine erste Ehefrau Paula Lichtenstein wird 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Seine Tochter Käte Jacob wird im Januar 1943 nach  Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sein Sohn Kurt Jacob und dessen Frau Frieda Jacob werden 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Mehr als hundert jüdische Einwohner aus Werder sind in der Nazizeit in die Emigration getrieben, sind deportiert und ermordet worden. Für viele von ihnen endete der Weg in Auschwitz. Der Name Auschwitz steht für den industriellen Massenmord der Nazis. Er steht für unendliches Leid, für die systematische Vernichtung jüdischer Mitbürger auch aus Werder, für die Ermordung von Widerstandskämpfern und Kriegsgefangenen und für  den Völkermord an europäischen Sinti und Roma.

Die SS betrieb den Lagerkomplex von 1940 bis 1945. Die europaweit gefangen genommenen Menschen wurden per Bahn, eingepfercht in Viehwaggons, in das KZ transportiert. Für viele der Neuankömmlinge führte der Weg direkt in die Gaskammern. Die wenigen Überlebenden, die heute noch mündlich Zeugnis von der Befreiung vor 75 Jahren ablegen können, waren damals oft noch Kinder. Sie waren teilweise im Alter der Schüler, die heute an unserem Gedenken teilnehmen.

Die freiheitlichen Grundwerte, die wir heute leben, sind verletzlich. Das muss auch einer Generation vermittelt werden, der diese Werte selbstverständlich erscheinen. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Menschen erniedrigt, verletzt und ausgegrenzt werden. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Hass und Vorurteile gegen Menschen geschürt werden, die anderen Glaubens oder anderer Herkunft sind.

Wir dürfen auch nicht wegschauen, wenn Naziparolen an Hauswände geschmiert und unsere Erinnerungsorte geschändet werden. Der Opfer der Nazi-Diktatur zu gedenken und uns gleichzeitig die Verantwortung für das politische Erbe der  Verbrechen bewusst zu machen ist eine Aufgabe, der wir uns alle gemeinsam auch in der Gegenwart und an einem Ort wie diesem stellen müssen.“

Werder (Havel), 27.01.2020