Fakten zur Festgeschichte

Ärger und Akzeptanzprobleme für das Baumblütenfest sind kein Phänomen unserer Zeit. Eine Chronik beschreibt das Auf und Ab der Festtradition.

Foto: Sammlung Baldur Martin

Der Werderaner Ortschronist Dr. Baldur Martin hat die Diskussionen zum Baumblütenfest zum Anlass genommen, in die Geschichte zurückzublicken. Ergebnis ist der „Versuch einer Chronologie der Baumblütenfeste in Werder (Havel)“, mit der u.a. einer  Legendenbildung zur Festtradition entgegengewirkt werden soll, wie Baldur Martin sagt. Herausgeber der 48-seitigen Broschüre, die ab 8. Februar in der Tourist-Information erhältlich ist, ist die Stadt Werder (Havel).

Die Chronik beschreibt das Auf und Ab der Festtradition und listet für viele der Festjahre historische Fakten auf. So ist vom ersten Fest im Jahr 1879 bekannt, dass es von Obstbauer Wilhelm Wels im gerade gegründeten Obstbauverein Werder (Havel) vorgeschlagen wurde. Das Fest hat 50.000 Gäste. Sie trinken Bier und Saft. Die Obstweinherstellung beginnt erst in den 1890er-Jahren, seitdem gehört der Obstweinverkauf zum Fest.

Nach 15 Jahren Festgeschehen gibt es mit dem wachsenden Publikum erste Klagen, unter anderem über fremde Obstweinverkäufer, Leierkastenspieler und Bettler. Auf der anderen Seite gibt es erfolgreiche Entwicklungen. Zur Jahrhundertwende 1900 etablieren sich die Höhengaststätten, 1906 wird ein erster Besucherrekord verzeichnet. Der 1. Weltkrieg ist eine Zäsur, Obst wird für das Heer beschlagnahmt.

Nach dem Krieg geht es zunächst wieder aufwärts, Werders Baumblüte wird zum „Frühlingsfest der Berliner“ und zum Thema einiger Filmdokumentationen. Neben dem Zug reisen Tausende zu Wasser oder per Auto an.  Ein Stadtverordneter empfiehlt den Obstbauern nach kritischen Tönen aus Berlin ironisch, ihren Wein für die Berliner zu „taufen“, das heißt mit Wasser zu versetzen.

Die Nazis nutzen die Baumblüte für Auftritte wie die Einweihung der „ersten Feierstätte der Kurmark“, die als Freilichtbühne in die Geschichte eingeht. Die Idee eines Trachtenkleides für Verkäuferinnen kommt in Werder nicht an. Im 2. Weltkrieg steht statt der Obstweinherstellung bald die Sicherstellung der Ernährung im Vordergrund. 1942 wird das Fest ohne Obstwein gefeiert.

In der DDR finden die Blütenfest nur in beschränktem Rahmen statt, der Obstabsatz ist reglementiert, das Interesse an Obstweinerzeugung gering. Nach dem Mauerbau fehlen zudem die Besucher aus Berlin. 1978 findet die Baumblüte nach Krawallen auf der Friedrichshöhe nur noch auf der Insel statt. Das 100. Fest 1979 wird opulent gefeiert.

Dann werden die Feste aber wieder kleiner, bevor die Tradition nach der Wende wieder in zunehmender Größe auch mit vielen Berlinern gefeiert wird. Nach Krawallen zum 120. Fest gibt es in den 2000er-Jahren Bemühungen, das Niveau anzuheben. Ein neues 2010 verabschiedetes Konzept sieht mehr regionale Angebote und Familienangebote vor.

Es hält nicht lange vor. Die jüngere Geschichte ist bekannt. „Das Fest litt zuletzt unter wachsenden Sicherheitsanforderungen und einem sich verändernden Publikum. Eine steigende Zahl von Einwohnern konnte das bisherige Festkonzept nicht mehr mittragen“,  so Bürgermeisterin Manuela Saß.

Ärger und Akzeptanzprobleme für das Baumblütenfest seien indes kein Phänomen unserer Zeit, immer wieder habe es Zäsuren gegeben. Aktuell führt die Stadt den Prozess einer Neuausrichtung unter Beteiligung der Werderaner durch. Eine Einwohnerversammlung und eine Umfrage haben dazu bereits stattgefunden

Die Bürgermeisterin nahm den Termin zum Anlass, die Werderaner zur Informationsveranstaltung am 10. Februar (19 Uhr, Bismarckhöhe) einzuladen, bei der es um die Ergebnisse der Umfrage und erste Schlussfolgerungen gehen soll. Nachfolgend finden am 12., 13. und 14. Februar jeweils 18 Uhr Einwohnerworkshops statt, bei denen die Umfrageergebnisse konkretisiert und damit erste Weichen für ein neues Festkonzept ab 2021 gestellt werden sollen.

Manuela Saß hofft auch hier auf eine rege Beteiligung der Werderaner. Einwohner können sich zu einem der drei Wiederholungstermine der Workshops anmelden unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Tel. (03327) 783 114. Für die Teilnahme an der Informationsveranstaltung am kommenden Montag ist keine Anmeldung erforderlich.

Baldur Martin und Manuela Saß.

Werder (Havel), 8.02.2020